The Osmanis

Die Geschichte, wie es die Brüder Baschkim, Burim, Bekim und Quazim Osmani in Hamburg zu Reichtum und Ansehen brachten, könnte so gehen: Ende der 70er Jahre, ein 18-jähriger Junge namens Quazim Osmani kommt nach Hamburg. Seine Familie stammt aus dem Kosovo und aus der Gegend von Zagreb, Quazim studiert Ökonomie. Er heiratet, arbeitet hart, und wenn er frei hat, geht er spielen, Roulette und Blackjack. Eines Tages hat er plötzlich mehrere hunderttausend Mark auf dem Tisch liegen. SuspendidoMit dem Geld legt er den Grundstein für das Vermögen der Osmanis. Sie investieren in Immobilien und wohnen in Villen, wie eine großbürgerliche Hamburger Familie. So hat Quazim Osmani die Geschichte einmal erzählt.

Sie könnte aber auch anders gehen – und mit organisierter Kriminalität zu tun haben. So steht es jedenfalls in einem Bericht des Bundesnachrichtendienstes aus dem Jahr 2003. Und dann ist vor kurzem die Hamburger Polizei zu einer der größten Razzien ausgerückt, die Hamburg je gesehen hat. PapierkramZweihundert Beamte fuhren vor sechzig Wohnungen und Geschäftsräumen vor und nahmen Lastwagen voll Material mit. Der Verdacht: Burim und Baschkim Osmani sollen von einer Bank in Lauenburg Kredite für windige Immobiliengeschäfte bezogen haben. Safer Sex AusstattungVermutlich sind über Strohmänner bis zu 70 Millionen Euro geflossen, das Geld sollte in Immobilien im Ausland investiert werden.

Festgenommen wurde niemand. Burim Osmani sitzt wegen einer anderen Sache in Untersuchungshaft. Er fuhr seine Kinder gerade im schwarzen Maserati zur Schule, als er vor fünf Monaten verhaftet wurde. Einem Unternehmer aus Schweinfurt soll er 33 geplante Seniorenwohnungen in Potsdam abgekauft haben, damit der von der Bank einen Millionen-Kredit für den Bau bekommt. Der Kauf sei kurze Zeit später rückgängig gemacht worden, die Staatsanwaltschaft vermutet ein Scheingeschäft.

Bis alles ausgewertet ist, kann es dauern. Fest steht aber, dass die Osmanis eine feste Größe in Hamburg sind, so etwas wie die Buddenbrooks der Halbwelt. Die vier sind zwischen Mitte dreißig und Mitte vierzig, sie werden als smarte Männer beschrieben, Typ Businessmen mit teuren Anzügen und großen Autos, Baschkim Osmani eher draufgängerisch, er ist auf Gastronomie und Sportmarketing spezialisiert.Quazim Osmani eher schmächtig; Felix lässt er sich nennen, wegen seines Spielglücks. Er ist viel im Ausland. Bruder Bekim managt das Café Keese auf der Reeperbahn. Burim Osmani makelt Immobilien.

Sie sollen gute Kontakte in die Politik und die Wirtschaft haben. Im Sommer war es aus diesem Grund in der Bürgerschaft heiß hergegangen. Ein ehemaliger Bausenator musste seinen Posten als Logistikbeauftragter des Senats räumen. Er hatte sich beim Bürgermeister dafür stark gemacht, dass die Stadt ein Osmani-Grundstück auf der Reeperbahn nutzt, die sogenannte „Heiße Ecke“. Darüber reden will er nicht, überhaupt will sich in Sachen Osmani niemand allzu sehr aus dem Fenster lehnen. Wilde Gerüchte kursieren, es ist gar die Rede von heimlichen Herrschern Hamburgs. Wer ist also die bekannteste unbekannte Familie Hamburgs?

Die Spurensuche führt in das touristische Herz der Stadt, zu den Landungsbrücken. Hier befindet sich das „Pupasch“, ein voll geräumtes Lokal mit holzgetäfelten Wänden, untertags Hafenkneipe, abends biergesättigter Aufreißertreff. Die Kneipe betreibt Baschkim Osmani, aber da ist er nicht. „Kommen Sie herein, wir beißen nicht“, sagt ein Kellner mit starkem Akzent. Der Laden ist ziemlich leer, nur ein paar Touristen sind zwischen Fischbrötchen und Bootsrundfahrt kleben geblieben. Schmiere am tatort, SpurensicherungVor zwei Wochen war die Polizei da und hat mitgenommen, was sie finden konnte, Computer, Unterlagen. Einer der Millionenkredite soll auf einen Kellner aus dem „Pupasch“ ausgestellt worden sein.

Die Osmani-Brüder sind indes nicht zu sehen, und schon gar nicht reden sie mit der Presse. Wenn die Familie sich mal in Hamburg blicken ließ, war das ein Ereignis. Die Hochzeit einer Osmani-Schwester etwa. Im Hotel „Atlantic“ war das, mit riesigen Autos und Gästen wie dem Boxer Michalczewski oder dem Chef der Motorradgang „Hell‘s Angels“.

Wo es um die Halbwelt geht, ist Thomas Hirschbiegel nicht weit. Hirschbiegel ist Reporter, Boulevard. Er hat einen berühmten Bruder, Oliver Hirschbiegel, Regisseur des Films „Der Untergang“. Thomas Hirschbiegel, kariertes Hemd und Dreitagebart, arbeitet für die „Hamburger Morgenpost“. Er ist den Osmanis ganz schön nahe gerückt, darf aber längst nicht alles schreiben. Er hat einen Packen Zettel vor sich liegen – die einstweiligen Verfügungen, die die Familie gegen seine Artikel eingebracht hat. Auch eine etwas skurrile Gegendarstellung ist darunter. Quazim Osmani hat sie selbst verfasst: „Unwahr ist auch, dass es früher zu meinen Gewohnheiten gehörte, Leuten Killer ins Haus zu schicken.“ Hirschbiegel kann noch viele Geschichten erzählen. Wie er etwa bei der Osmani-Hochzeit im Gebüsch gelegen und fotografiert hat. In dem Hamburg, über das er unzählige Schnurren berichten kann, tragen die Leute Spitznamen wie „Albaner Toni“, kleines Kaliberdie Männer haben schon mal eine Smith & Wesson-Pistole dabei oder sperren Leute, die ihnen übelwollen, in eine Kühlkammer.

Von Quazim Osmani kennt Hirschbiegel die Geschichte, dass er früher im „Corner 57“ Hof gehalten habe. Das „Corner 57“ an der Wandsbeker Chaussee ist ein berühmtes Nachtlokal. Außen schwarz und uneinsehbar, innen nur für „members“. Hier soll Quazim Osmani im Hinterzimmer Streitereien unter Landsleuten geschlichtet haben. Die küssten ihm dafür angeblich die Hand, wie dem Paten im Film. Die Osmanis wollen davon nichts wissen. „Ich bin Gastronom – das ist es“, hat Quazim Osmani in seinem einzigen Interview gesagt. Als sein Vorbild bezeichnete er den Fußballer Paul Breitner. Weil der sich nichts sagen lasse. Sein Lebensziel beschrieb Quazim Osmani so: „Gesund bleiben. Viel Geld. Ein schönes Leben. Kinder.“

Der Aufstieg der Familie begann in St. Pauli. Ihre Spuren finden sich auch heute noch auf dem Kiez. Die fürchterlich nette Familie….Den Osmanis gehören zahlreiche Grundstücke, darunter berühmte wie das frühere Bierhaus „Bayrisch Zell“ oder eben die „Heiße Ecke“. Doch auch Dinge wie Kfz-Schmuggel, Schutzgelderpressung, Rauschgifthandel und Prostitution sollen zum Vermögen der Osmanis beigetragen haben. Solches will jedenfalls der BND herausgefunden haben, der in seinem Bericht Erkenntnisse der Behörden verwertete, wie ein Sprecher sagt. Geredet werden soll darüber nicht. Die Familie hat per Anwalt untersagen lassen, aus dem Bericht zu zitieren. Wegen der Persönlichkeitsrechte.

Die Zeit ihres Aufstiegs fiel in die 90er Jahre. Auf der Reeperbahn ließen sich gerade die Albaner nieder und lösten die Russen ab. Wenn Albaner einen Laden an der Reeperbahn übernehmen wollten, ging das angeblich so: Sie tauchten in Gruppen auf, tranken, ohne zu bezahlen, pöbelten herum. Der Besitzer brauchte entweder gute Türsteher, oder er musste über kurz oder lang den Konkurrenten das Feld überlassen, weil die Gäste wegblieben. Das eiserne Gesetz in St. Pauli lautete damals: „Widersprich niemals einem Albaner.“

Auf der Reeperbahn heute ist es dagegen friedlich. Samstagnacht, asiatische Touristen und Hamburger Jugendliche schieben sich an der „Monika-Bar“ oder an der „Josephine“ vorbei. In den Sex-Shops stehen kichernde Teenie-Mädchen in engen Jeans und kurzen Jacken. Die Prostituierten, die davor stehen, sind genauso angezogen. Wenn sie einen Mann ansprechen, fragen sie: „Hätten Sie vielleicht Interesse?“ Es klingt wie: „Interessieren Sie sich für Tierschutz?“ Alles hier ist erstaunlich niedlich, die Spielzeuggeldscheine, die man den Stripperinnen im „Dollhouse“ zusteckt, genauso wie die Marzipan-Penisse in der Bäckerei. Eine Puppenstube der Anrüchigkeit.

Die Osmanis selbst legen Wert auf hamburgische Diskretion. Lange konnte man ihnen nichts anhaben, obwohl „wir seit längerer Zeit tätig sind“, wie es bei der Staatsanwaltschaft Hamburg heißt. Sie haben gute Anwälte. Der von Burim Osmani ist Gerhard Strate. Strates Kanzlei nimmt mehrere Stockwerke in bester Lage ein, an den Wänden hängt Kunst, auf dem Parkettboden liegt ein Löwenfell. havererEr verteidigt zum Beispiel den mutmaßlichen Terrorristenhelfer Motassadeq. Strate, dunkelblaues Sakko, hellblau schimmernde Brille, hat diese Art, erst heftig aufzubrausen und dann auf eine Frage einzugehen, wie sie viele erfolgreiche Anwälte haben. Dass die Mitglieder des Osmani-Clans ihr Geld mit Kfz-Schmuggel, Schutzgelderpressung, Prostitution und Rauschgifthandel verdient hätten, sei „beweisbar unwahr“, sagt er. Auch die Vorwürfe, es habe sich bei dem Kredit für die Seniorenwohnungen in Potsdam um ein Scheingeschäft gehandelt, weist er zurück. Und: Die Osmanis seien „ganz normale Menschen, die haben Kinder, die gehen hier zur Schule“.

Die Villa der Osmanis liegt am Rand von Hamburg. Es ist ein schönes Backstein-Gebäude aus der Jahrhundertwende, 800 Quadratmeter, Terrasse, Garten. Das Türschild hat die Form eines Hauses, darauf steht in Schreibschrift der Name Osmani. Eine alte Automatte hängt über dem Zaun, ansonsten ist die Villa verwaist. Sie steht zum Verkauf.Wahrscheinlich kann man nun beginnen, den Verfall einer Familie zu erzählen. (von Verena Mayer, Hamburg aus Tagesspiegel)

Sach Bescheid

XHTML: Wennste dich auskennst, kannst diese Tags nutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>